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In der Frage nach der mehrstimmigen
Musik der Devotio moderna stehen drei Begriffe zentral: uniformitas,
fractio vocis und discantus. Über alle drei Begriffe wurde wiederholt
publiziert.
Richtungweisend für die Frage nach der uniformitas
waren die Ausführungen J.G.R. Acquoys in seinem dreibändigen Übersichtswerk
Het Klooster te Windesheim en zijn
invloed. Mehrere Bestimmungen des Windesheimer Ordinarius von 1687(fol.
55r) wurden von ihm als Verbot der Mehrstimmigkeit bzw. als Gebot der
Einstimmigkeit interpretiert. (Der
Ordinarius von 1521, fol. XLIv, zeigt denselben Wortlaut (Cap.
xxxij: De modo et uniformitate cantandi) Von weitreichendem Einfluß auf die jüngere Forschung war vor allem seine
Interpretation der folgenden Stelle:
Et propter uniformitatem in omnibus cantandis, uel incipiendis uirgula rubea
in singulis libris, cui quisque cedere debet, est facienda.
In omni cantu uniformitas uocum semper est obseruanda, ita ut nemo audeat
cantare aliquo gradu supra uel infra quam conuentus canit. Idcirco
quantum fieri potest moderandus est cantus ut omnibus conueniat. Diese Stellen aus dem Windesheimer Ordinarius beziehen sich jedoch auf den Gesangsvortrag. Dort besteht uniformitas darin, daß niemand einen ‘unbestimmten Abstand’ (aliquo gradu) höher oder tiefer singt als der Konvent. Mehrstimmigkeit setzt jedoch einen ‘bestimmten Abstand’ zwischen zwei Stimmen voraus. Sie verläuft geordnet und nicht aliquo gradu. Ebenso wie im ersten Zitat aus dem Windesheimer Ordinarius Übereinstimmung hinsichtlich Anfang und Schluß gemeint waren, ist hier Gleichförmigkeit hinsichtlich der Tonhöhe gefordert, jedoch nicht im Sinne einer Einstimmigkeit im Gegensatz zur geordneten Mehrstimmigkeit, sondern einer Einstimmigkeit im Gegensatz zu einer ungeordneten “Vielstimmigkeit”. Moderne Chorleiter nennen dieses Anliegen das Streben nach einem einheitlichen Chorklang. Ewerhart interpretierte auch den Begriff fractio
vocis in engem Zusammenhang mit Mehrstimmigkeit. In freier
Übertragung einer weiteren Stelle aus dem Windesheimer Ordinarius
übersetzte er fractio vocis
als Mehrstimmigkeit schlechthin. Plano
et simplici modo verband er mit Einstimmigkeit, möglicherweise
setzte er plano modo gleich
mit cantus planus, dem
einstimmigen Choral: Nullus fractis vocibus audeat curiositatem vel levitatem ostendere, sed plano et simplici modo qui gravitate preferat omnis cantus depromendus est.
Zum Ordinarius siehe auch Instrumentalmusik
LiteraturAcquoy 1876, 249 Anm. 2 und 3
Hascher-Burger 2002,188-192 E. Persoons und W. Lourdaux, “Bibliographische inleiding tot de studie van de Windesheimse Liturgie”, Sacris Erudiri 17 (1966) 401-410, geben eine Übersicht über erhaltene Handschriften des Windesheimer Ordinarius (S. 404)
zuletzt bearbeitet am 01-07-2011 Copyright © 2002 U. Hascher-Burger. Alle Rechte vorbehalten. |